KI-Strategie im Mittelstand: was sie enthalten muss, damit sie keine Ideensammlung ist
- 8. Oktober 2026
- Veröffentlicht durch: Frank Stadler
- Kategorien: Fachbeiträge, Veröffentlichungen Frank
Wenn mir ein Haus seine KI-Strategie zeigt, sehe ich meistens dasselbe Dokument. Es beginnt mit einer Einordnung des Marktes, führt eine Reihe von Anwendungsfeldern auf, nennt Werkzeuge und endet mit einem Zeitstrahl. Es ist sorgfältig gemacht, und es beantwortet keine Frage, an der sich eine Entscheidung treffen ließe.
Eine Strategie ist keine Sammlung von Möglichkeiten. Sie ist die Festlegung, was man nicht tut.
Die erste Festlegung: die Stoßrichtung
Bevor irgendein Anwendungsfall bewertet werden kann, muss klar sein, wozu KI in diesem Unternehmen dienen soll. Vier Stoßrichtungen kommen praktisch vor, und sie führen zu völlig unterschiedlichen Prioritäten.
- Margen stabilisieren durch Effizienz.
- Sich vom Wettbewerb absetzen durch datenbasierte Leistungen.
- Risiken in sensiblen Entscheidungsprozessen senken.
- Wachstum ermöglichen, obwohl kein Personal zu bekommen ist.
Wer Margen über Effizienz stabilisieren will, priorisiert Routineprozesse mit hohem Volumen. Wer sich vom Wettbewerb absetzen will, investiert in Datenqualität und in Fähigkeiten, die andere nicht kopieren. Wer Risiken senken will, beginnt bei den Entscheidungen, deren Fehler am teuersten sind, und wer trotz fehlenden Personals wachsen will, bei den Engpässen, an denen heute Aufträge hängen bleiben. Jede dieser Richtungen ist vertretbar, aber mit den Mitteln eines Mittelständlers lässt sich nach meiner Erfahrung selten mehr als eine ernsthaft verfolgen.
Für diese Festlegung braucht es keine Vorarbeit, nur eine ausdrückliche Entscheidung. Sie wird trotzdem übersprungen, weil sie sich nach Selbstverständlichkeit anfühlt, solange sie nicht ausgesprochen ist.
Die zweite: die ehrliche Datenfrage
Das ist der Teil, an dem die Strategiedokumente, die ich lese, meist unpräzise werden. Es steht dann darin, man wolle eine Datenstrategie aufsetzen, ohne dass jemand sagt, wofür.
Nützlich wird die Frage, wenn sie umgekehrt gestellt wird: Welche Entscheidung wollen wir künftig besser treffen, und welche Daten bräuchten wir dafür? Aus dieser Richtung wird schnell konkret, ob die eigene Historie taugt, ob die Stammdaten einheitlich sind und ob überhaupt jemand erklären kann, was in den Feldern steht.
Das Ergebnis ist häufig unbequem. In vielen Häusern, die ich kenne, war die erste sinnvolle Maßnahme keine KI-Anwendung, sondern das Aufräumen einer Stammdatenstruktur, die über Jahre uneinheitlich gepflegt worden war. Das ist unattraktiv und die Voraussetzung für alles Weitere.
Es geht dabei nicht um große Datenmengen, sondern um Entscheidungsfähigkeit. Ein sauberer, gut verstandener Datensatz über drei Jahre ist mehr wert als ein Datensee, den niemand interpretieren kann.
Die dritte: weniger Anwendungsfälle
Der häufigste Fehler, den ich in mittelständischen Strategiepapieren sehe, ist die Länge der Liste. Zwanzig Anwendungsfälle sehen nach Gründlichkeit aus und bewirken das Gegenteil, weil dieselben wenigen Personen an allen beteiligt wären.
Was funktioniert, sind zwei bis vier Vorhaben mit benanntem Nutzen, benannter Verantwortung und einem Ausgangswert, gegen den sich später messen lässt. Zu jedem dieser Vorhaben gehört außerdem ein Rahmen für die Mittel: welche Fachleute wie viel Zeit brauchen, was die Einführung kostet und was der laufende Betrieb. Erst damit wird die Auswahl eine Entscheidung über Kapital und nicht nur über Ideen.
Der Rest wird ausdrücklich zurückgestellt, nicht stillschweigend liegen gelassen. Der Unterschied ist erheblich: Ein zurückgestelltes Vorhaben kann später wieder aufgerufen werden, ein liegen gelassenes erzeugt nur Frustration bei dem, der es vorgeschlagen hat.
Bei der Bewertung lohnt eine Spalte, die selten vorkommt: Welcher Verfahrenstyp steckt dahinter? In den Listen, die ich zu sehen bekomme, stehen überwiegend generative Anwendungen, weil die zuerst einfallen. Die wenigen rechnenden oder prognostizierenden Kandidaten tragen häufig den größeren Teil des erwarteten Ertrags, wie ein eigener Beitrag ausführt.
Die vierte: wer entscheidet
Eine Strategie ohne benannte Verantwortung ist eine Absichtserklärung. Gebraucht werden zwei Festlegungen: wer die Übersicht führt und in welchem Takt der Geschäftsführung berichtet wird, und wer bei jedem einzelnen Vorhaben für das Ergebnis geradesteht.
Die Letztverantwortung für Risikobereitschaft und Kapitalverteilung bleibt bei der Geschäftsführung. Sie lässt sich nicht an eine Stabsstelle abgeben, und der Versuch endet nach meiner Erfahrung meist damit, dass Vorhaben nach Verfügbarkeit statt nach Wirkung vorankommen.
Was regulatorisch hineingehört und was nicht
Dieser Abschnitt fehlt in den Strategiedokumenten, die ich lese, oder er ist überdehnt.
Hineingehört, dass die Inventur der eingesetzten Systeme ohnehin stattfindet. Sie ist die Grundlage, um jedes System nach der KI-Verordnung einzuordnen, ersetzt diese Prüfung aber nicht, weil es dafür auf Zweck, Rolle und Einsatz ankommt. Ebenso gehört hinein, dass Vorhaben mit erhöhter regulatorischer Exposition gesondert geprüft werden, etwa bestimmte Anwendungen im Personalbereich. Anhang III Nr. 4 KI-VO nennt solche Systeme; ob eines davon tatsächlich als Hochrisiko-KI gilt, entscheidet sich nach Art. 6 Abs. 2 und 3 KI-VO im Einzelfall.
Nicht hineingehört ein eigenes Compliance-Programm. Wer die Regulierung zum Strategiethema macht, verschiebt den Schwerpunkt von der Wirkung auf die Absicherung, und das merkt eine Organisation bald an der Art der Vorschläge, die noch eingereicht werden.
Woran sich eine Ideensammlung erkennen lässt
Ob das eigene Dokument eine Ideensammlung ist, lässt sich mit wenigen Fragen prüfen.
Steht darin, was nicht getan wird? Steht neben jedem Vorhaben eine Zahl, die vorher erhoben wurde? Steht neben jedem Vorhaben ein Name? Und ließe sich in zwölf Monaten feststellen, dass die Strategie nicht aufgegangen ist?
Wenn eine dieser Fragen mit Nein beantwortet wird, liegt eine Ideensammlung vor. Das ist kein Drama, solange man es weiß, und der Weg zur Strategie beginnt mit den vier Festlegungen oben.
Wie sich die Umsetzung über drei Zeithorizonte verteilt, steht in den fünf Schritten zur gesteuerten KI. Die strukturierte Ableitung liefert die KI-Roadmap, die Standortbestimmung davor die KI-Reifegrad-Analyse.
Und die Frage, mit der sich das eigene Papier in einer Minute prüfen lässt: Welches KI-Vorhaben haben Sie in Ihrer Strategie bewusst ausgeschlossen, und steht das darin?
Rechtsstand: 25. September 2026. Wo sich die Rechtslage danach ändert, wird der Beitrag nachgeführt oder die Änderung gekennzeichnet.
Hinweis: Dieser Beitrag enthält eine fachliche Einordnung regulatorischer und rechtlicher Themen, stellt jedoch keine Rechtsberatung oder rechtliche Einzelfallprüfung dar. Ausführlicher Hinweis